Das Nibelungenlied und seine Welt
13.12.2003 - 14.3.2004

 

Die Rezeption des ,Nibelungenlieds'

 

Nach dem Beginn des 16. Jahrhundert endete die um 1200 begonne schriftliche Überlieferung des ,Nibelungenlieds' mit dem berühmten Ambraser Heldenbuch Kaiser Maximilians, der sich selber als "letzter Ritter" bezeichnete. In den folgenden zweieinhalb Jahrhunderten geriet die Erzählung fast völlig in Vergessenheit.

Die deutsche "Ilias"


Erst im Jahr 1755 beginnt die moderne Rezeption des , Nibelungenlieds', die bis heute andauert. Am 29. Juni 1755 wurde die Handschrift C in der Bibliothek des Grafen Hohenems im gleichnamigen Schloss aufgefunden.

In der Folge wurde das Nibelungen-Epos immer wieder mit den Epen Homers verglichen und als "deutsche Ilias" bezeichnet. Es kam dadurch zu einer Vermischung zweier kultureller Identifikationsmuster - der germanisch-deutschen und der griechischen, die das deutsche Nationalbewusstsein bis in die Zeit des Nationalsozialismus prägen sollte.

Das deutsche Nationalepos

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Stoff zum deutschen Nationalepos und wurde von da an immer wieder politisch vereinnahmt. Man begriff alledings nicht die Handlung, eine Geschichte voller Verrat und Mord, sondern die Charaktere der Figuren als national und sah in ihnen prototypische Vertreter deutscher Nationaltugenden.

So wurden Siegfried und Hagen als Identifikationsfiguren dargestellt und die sogenannte "Nibelungentreue", uminterpretiert als Treue zur heiligen Sache des Vaterlandes im Kampf bis zum letzten Atemzug, als besondere deutsche Tugend propagiert. Die nationale Mythenbildung fand in der Zeit des Nationalsozialismus ihren Höhepunkt.

Charakteristisch für die nationalistische Rezeption des ,Nibelungenlieds' ist ein selektive, isolierende Inanspruchnahme der Erzählung, die die Figuren und die Erzählhandlung aus ihrem Zusammenhang löst. Dieses Verfahren ermöglicht es, nicht nur Siegfried, das Mordopfer, sondern auch den hinterhältigen Täter Hagen als Figur von nationaler Größe wahrzunehmen. Siegfried, der als Verkörperung Deutschlands verstanden wurde, wurde diese Rolle auch nach dem Ersten Weltkrieg im Zusammenhang mit der sogenannten "Dolchstoßlegende" zugewiesen.

Richard Wagner und der Nibelungenstoff

In der heutigen Zeit ist das ,Nibelungenlied' besonders durch den "Ring des Nibelungen" von Richard Wagner im allgemeinen Bewusstsein.

Brünnhilde, Hagen, Siegfried und Wotan
Darsteller der Uraufführung des "Ring des Nibelungen", 1876. Richard-Wagner-Museum Bayreuth

 

Für seine Operntetralogie stützte sich Wagner jedoch nicht auf das mittelhochdeutsche ,Nibelungenlied', sondern auf skandinavische Nibelungendichtungen des 13. Jahrhunderts, in denen auch die germanischen Götter am Handlungsgeschehen beteiligt sind.

 


Walküren
Darsteller der Uraufführung des
"Ring des Nibelungen", 1876.
Richard-Wagner-Museum Bayreuth

Offizieller Bayreuther Festspielführer aus dem Jahr 1924
Richard-Wagner-Museum Bayreuth
Das ,Nibelungenlied' in der Malerei

Auch in der bildenden Kunst wurde der mittelalterliche Nibelungenstoff rezipiert. Mit Editionen aus wilhelmischer Zeit, die damals im deutschen Bildungsbürgerhaushalt verbreitet waren, monumentalen Wandbild-Zyklen, mit Denkmälern und kunstgewerblichen Schöpfungen entstand vor allem am Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Nibelungen-Bild, das stark ideologisch geprägt ist und Heldentum, Monumentalismus und Nationalismus gleichermaßen propagierte.


Walküre
Hans Thoma, Einzelblatt aus Kostüm-
entwürfen zu Wagners "Ring des
Nibelungen", 1927
Badische Landesbibliothek



  Streit der Königinnen
Illustration von Carl Otto Czeschka
in "Die Nibelungen - Dem deutschen Volke wiedererzählt", 1908
Badische Landesbibliothek, Karlsruhe

 


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