Logo Badisches Landesmuseum
 

Interview mit der Bariton-Sängerin Lucia Lucas

im Rahmen der Studioausstellung „Wohin, wohin?“

Fragst Du Dich auch manchmal, wohin Dein Weg Dich führen wird? Oder bist Du bereits in Deinem neuen Dasein ganz angekommen?

Vielleicht zu 90%. Äußerlich ist meine Verwandlung fast abgeschlossen, aber es gibt noch viele Formalitäten zu klären. Ich bin noch nicht in der Lage, vollständig darüber zu sprechen. Das ist alles noch zu nah. Aber eines Tages kann ich es sicher in Worte fassen … In den Bildern kann man aber, wenn man genau hinsieht, meine Geschichte nachvollziehen.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Johannes Kaplan?

Der Fotograf hat bereits mit einer türkischen Sängerin als Modell zusammengearbeitet. Nun war er wieder auf der Suche nach einer Persönlichkeit, die er portraitieren konnte. Wir haben uns vier Mal getroffen und ca. 40 Stunden miteinander gearbeitet – sehr viel länger, als ich ursprünglich dachte. Wichtig war mir, dass ich bei der Motivsuche mitreden durfte und Anregungen geben konnte. Er ist sehr auf meine Wünsche und Vorschläge eingegangen.

Hattest Du es als Mann in der Gesellschaft oder in Deinem Beruf einfacher? Oder anders herum gefragt: Was ist nun für Dich in Deinem Leben als Frau neu oder vielleicht auch schwierig?

Neu sind die Erfahrungen für mich als Frau ja nicht. Ich habe gesellschaftliche Verhältnisse schon immer sehr aufmerksam beobachtet – ich habe diese weibliche Perspektive, seitdem ich fünf oder sechs bin. Daher wusste ich, dass es Benachteiligungen von Frauen und männlichen Chauvinismus gibt. Ich wusste genau, was mich erwartet, und bin daher nicht überrascht.

Du bist von Beruf Opernsängerin. Bedeutete die so große Veränderung Deines Aussehens nicht ein großes Risiko? Was wäre gewesen, wenn sich auch Deine Stimme verändert hätte?

Ich habe mit vielen Spezialisten vorab gesprochen. Mir wurde versichert, dass es kein Risiko für die Stimme geben würde. Was mit meiner Karriere passieren würde, war jedoch nicht klar. Aber als ich 2009 nach Deutschland gekommen bin, gab es auch keinen Plan B. Ich hatte damals kein Rückflugticket gebucht. Wenn man einen Plan B in der Tasche hat, fehlt die Kraft für Plan A. So war es diesmal auch. Natürlich hätte ich, wenn meine Bühnenkarriere nicht weitergegangen wäre, notfalls auch Gesangslehrerin werden können. Aber das wollte ich nicht. Für mich gab es nur diesen einen Weg. Darauf habe ich all meine Kraft gesetzt.

Hast Du auch Diskriminierung erfahren? Inwiefern macht es die Gesellschaft Transgender-Personen schwer?

Es wäre einfacher zu sagen: nein. Aber leider ist das nicht so. Doch, es gibt Diskriminierung, immer wieder. Das ganze Thema ist noch nicht in den Köpfen. Es fehlt das Verständnis: Jede einzelne Ummeldung bei der Bank, bei den Versicherungen, jede Beantragung einer Karte oder eines Formulars – da muss ich wieder und wieder erklären, dass sich mein Name geändert hat, dass die Anrede nicht „Herr" ist … Und nach drei oder vier Mal kommt doch wieder eine falsche Anschrift. Das kostet viel Kraft.

Die Arbeitslosigkeit von Trans-Personen beispielsweise ist viermal höher. Doch selbst, wenn du beruflich unterstützt und anerkannt wirst, gibt es Benachteiligungen. Es werden persönliche Dinge gefragt, teilweise sehr beleidigend, zu deinem Aussehen, deinen Genitalien, deinem Sex-Leben. Hier scheinen alle Hemmungen zu fallen. Da sagen manche, du seist krank oder du solltest dich als Mann verhalten, aus Rücksicht deinen Mitmenschen gegenüber.

Einer Sache kannst du dir aber immer sicher sein: Egal ob auf der Bank, in der Presse, in der Industrie oder im Theater – wenn die Leute Angst haben, fallen sie zurück in ihre alten Vorurteile. Das gilt für alle, von der Spitze eines Unternehmens bis nach unten. Daher müssen sich Minderheiten füreinander einsetzen, denn wenn wir uns nicht gegenseitig unterstützen, sind wir alle verwundbar.

Neulich war ich zu einem Vorsingen an einem Theater. Die Dame, die mich in Empfang genommen hat, hat meinen Namen mit ihrer Liste abgeglichen: „Bariton? Lucia Lucas?" Ihr Urteil stand gleich fest: „Nein. Das geht nicht." „Doch", habe ich gesagt. „Nein. Das geht nicht." Erst als sie mich singen gehört hat, wurde sie sehr freundlich und stellte fest: Es geht doch!

Im internationalen Vergleich stellt man fest, wie rückständig manches in Deutschland noch geregelt ist: Ein ganzes Jahr als Frau zu leben müssen, bevor man überhaupt die Anerkennung bekommt – das ist hart. Aber die Gesetzeslage verändert sich ständig. Irland z.B., das noch vor Jahren ganz konservativ war, hat inzwischen eine der fortschrittlichsten Regelungen weltweit.

Dadurch dass Du so in der Öffentlichkeit stehst, kommt Dir auch eine Vorbildfunktion zu: Was würdest Du anderen Transgender-Personen raten, die noch einen langen Weg vor sich haben?

Schreibt mir! So oft ich kann, wenn es meine Zeit zulässt, werde ich antworten. Ich kenne mich inzwischen sehr gut aus – auch zu den vielen Unterschiedlichen Regelungen in den einzelnen Ländern – und kann zu vielen Themen etwas sagen: psychologisch, medizinisch, bürokratisch. Denn das Wichtigste ist zu wissen: Du bist nicht allein. Wir sind viele. Und: Es ist niemals zu spät. Niemals. Ob man 60 ist oder 70, ganz egal.

 

Du hast inzwischen so viele Interviews gegeben. Welche Frage würdest Du gerne einmal beantworten, nach der Du bislang noch nie gefragt wurdest?

Ich möchte eine bestimmte Vorstellung korrigieren. Es kursiert ein bestimmtes Bild von Transgender-Personen: Es heißt, sie wären gefangen in einem falschen Körper. Aber das stimmt nicht. Mein Körper ist, wie er ist. Er ist nicht falsch. Aber ich bin in der Lage, meinen Körper zu verändern. Komplett, alles … Das gibt mir eine ungeheure Autonomie und Stärke. Mein Körper ist stark. Das macht mich sehr stolz.

Auch Deine Mimik und Gestik haben sich verändert …

Nein, umgekehrt. Vorher habe ich eine Rolle gespielt. Ich habe mich verhalten wie ein Mann. Nun ist die Maske gefallen und ich zeige mich, wie ich bin.

Und wie ist das, wenn Du dann doch wieder auf der Bühne in die Rolle des Mannes schlüpfen musst und Dir in der Maske ein Bart angeklebt wird?

Das hat etwas Spielerisches. Ich kenne ja die Gesten von früher. Das ist Theater.

Wir führen dieses Interview über Skype. Du bist nicht mehr in Karlsruhe?

Mein festes Engagement in Karlsruhe endete mit der Spielzeit 2015/16. Glücklicherweise hatte ich Ende 2015, als ich wusste, dass der Vertrag nicht verlängert werden würde, viele erfolgreiche Vorsingen. Das führte mich zunächst nach Wuppertal, danach kommt Irland und ich bin guter Dinge, bald mein Bühnen-Debüt in den USA feiern zu können.

Am Transgender Day am 20.11. wird der Opfer von Verfolgung und Gewalt gegen Transgender-Personen gedacht. Welche Bedeutung hat dieser Tag für Dich?

Für mich ist dieser Tag sehr wichtig. Aber anders als am 17. Mai*, an dem ich aktiv bin und zu Kundgebungen gehe, ist der Transgender Day of Remembrance ein Tag des Gedenkens. Ich meditiere und gedenke der Opfer. Ganz still.


Das Interview führte Katrin Lorbeer.


* Internationaler Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie





Information & Kontakt


Wohin, wohin?
Studioausstellung in der Sammlungsausstellung "WeltKultur/GlobalCulture"

ab 25.11.2016 (bis Dez 2017)

Badisches Landesmuseum
Schloss Karlsruhe
76131 Karlsruhe

Bildergalerie


Wohin, wohin?